Hintergründe

Warum werden Frauen Opfer von Frauenhandel?

Frauen sind in vielen Ländern für die gesamte Versorgung der Familie (mehrerer Generationen) verantwortlich. Im Gegenzug haben die Frauen aber oft  einen schlechteren Zugang zu Bildung, damit zum Arbeitsmarkt und zur Gesundheitsversorgung.

Zu dieser großen Verantwortung kommt die hoffnungslose Situation in den Heimatländern hinzu. Die wirtschaftliche Misere gekoppelt mit der politischen Situation führt in vielen Ländern zu Verarmung und Massenarbeitslosigkeit einer großen Bevölkerungsschicht. Eine soziale Absicherung gibt es in den wenigsten Ländern.

Frauen entscheiden sich aufgrund der dargestellten Situation zur Migration. Viele von ihnen wissen wenig über die Lebens- und Arbeitsbedingungen für MigrantInnen in den Zielländern, den sogenannten reichen Ländern des Westens.

Der geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt drängt Frauen in ungesicherte und ungeschützte Arbeitsverhältnisse im informellen Sektor. Sie müssen ihre reproduktiven Fähigkeiten und sexuelle Dienstleistungen verkaufen – auf einem Arbeitsmarkt, der Frauen auch unter Bedingungen der Legalität meist nur die billigen und gesellschaftlich abgewerteten Arbeitsplätze zuweist.

Diese Ausgangslage begünstigt Frauenhandel.

Die Anwerbung der Frauen geschieht auf unterschiedliche Weise. Gleichbleibleibend  ist aber, dass die Frauen mit falschen Versprechungen angeworben werden.

  • es werden familiäre Strukturen genutzt (Verwandte, die bereits im Ausland sind, genießen das Vertrauen der Familie. Sie vermitteln und verdienen somit.)
  • junge Männern machen den Frauen glauben, dass sie die große Liebe für sie sind. Die Frauen können ihr Glück nicht fassen (Liebe macht blind)
  • Angebot einer Arbeitsstelle im Ausland (Ernte, Haushalt, Au Pair), teilweise über Agenturen
  • durch Drohung (psychischer Druck)
  • durch Gewalt und Entführung
  • durch das Versprechen sehr guter Verdienstmöglichkeiten in der Prostitution (3 Monate Arbeit für die Dauer der Gültigkeit des Touristenvisum, danach kann die gesamte Familie viele Monate davon leben)

Die TäterInnenkreise nutzen alle Möglichkeiten, um einen möglichst hohen Profit zu erzielen. Dies geschieht über die wirtschaftliche Ausnutzung der Frauen. Ein Kernelement des Zwangs durch die Täter ist, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frauen massiv verletzt wird. Mehr dazu unter Lebenssituation.

Rechtliche Situation

Migrantinnen, die in Deutschland als Prostituierte arbeiten, machen sich aufgrund einer fehlenden Arbeits- Aufenthaltserlaubnis strafbar im Sinne des Ausländerrechtes, es sei denn: sie sind EU–Bürgerin oder verheiratet mit einem Deutschen bzw. EU–Bürger. Zugang zum Arbeitsmarkt besteht nicht, d.h. die gesetzlichen Grundlagen Deutschlands verhindern eine geregelte Arbeitsmigration. Arbeiten die Frauen dennoch in der Prostitution, macht diese Situation den Aufenthalt der Frauen (auch wenn die Einreise legal erfolgte) illegal und stellt einen Ausweisungsgrund dar. Hierbei ist es nach Gesetzeslage zunächst nicht relevant, ob die Frauen freiwillig arbeiteten oder gezwungen wurden bzw. ausgebeutet oder erpresst wurden. Sie werden ausreisepflichtig und somit ausgewiesen oder abgeschoben.

Auswirkungen der EU Osterweiterung

Im Mai 2004 sind 10 neue Staaten der EU beigetreten und genießen somit das Recht auf Freizügigkeit. 8 dieser Staaten sind Länder Mittel- und Osteuropas. Gerade Frauen aus Mittel- und Osteuropa waren bisher die Hauptgruppe von Frauenhandel betroffener Frauen in Deutschland. Zu fragen ist, ob sich dadurch die Gefahr für Frauen aus diesen Staaten verringert hat, Opfer von Frauenhandel zu werden. Leider ist davon auszugehen, dass nach wie vor Frauen von Frauenhandel betroffen sind. Hintergrund hierfür ist, dass EU-BürgerInnen trotz EU-Beitritts keinen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erhalten. Somit ist die Aufnahme geregelter Arbeitsverhältnisse nahezu unmöglich. Es besteht lediglich die Möglichkeit, als Selbständige zu arbeiten, dies setzt aber Kenntisse dieser Möglichkeit voraus und auch hierbei können Abhängigkeitsverhältnisse durch Zuhälter o.ä. geschaffen werden. Die Praxis der Fachberatungsstellen weist darauf hin, dass Menschenhändler die gegenwärtige rechtliche Situation nach wie vor ausnutzen und Frauen damit zu Opfern von Frauenhandel werden: sie werben die Frauen nach wie vor an, die neu gewonnene Freizügigkeit impliziert dabei weitgehende Rechte, und beuten sie hier sexuell oder in ihrer Arbeitskraft aus. Gleichwohl das Druckmittel der Illegalität wegfällt, nutzen die Täter weitere Druckmechanismen wie Schuldknechtschaft oder Bedrohung, um die Frauen in Abhängigkeit in der Prostitution zu halten. Veränderungen werden sich wohl erst ergeben, wenn Deutschland sich entscheidet, Menschen aus den Beitrittsländern Mittel- und Osteuropas einen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt einzuräumen.